DIe Ära Pattberg




Im engen Kreis verengert sich der Sinn, es wächst
der Mensch mit seinen größern Zwecken. Schiller

Die Ära Pattberg
Neumühl,der rechtsrheinische Partner - 
Eine "reine" Zeche -
1904:Eintritt ins Syndikat - 
Die Selbstfinanzierung...... - 
...ist historisch gerechtfertigt - 
Höhen und Täler - 
Erinnerung an schwere Zeiten - 
Die Krise am Beginn der 30ger Jahre



Mit 2 Millionen Tonnen Kohlenförderung im Jahre 1906 war Rheinpreussen am Beginn des neuen Jahrhunderts zu einem großen Zechenunternehmen herangewachsen. Rheinpreussen hatte länger als andere Zechen gebraucht, um "erwachsen" zu werden, und die Jugend war schwer genug gewesen. Aber Pattberg war nicht der Mann, der sich auf mühevoll errungenem Lorbeer ausruhte,-noch vor dem ersten Weltkriege steuerte er ein neues Ziel an, das sich in der Aufschließung des neuen Kohlenvorkommens der Gewerkschaft Rheinland verkörperte (sämtliche Kuxe dieser Gewerkschaft sind im Eigentum von Rheinpreussen). Die Rheinland Schächte , mit deren Abteufen 1922 begonnen wurde, waren von langer Hand vorbereitet worden. Insgeheim hatte Pattberg bereits in den Jahren unmittelbar vor dem ersten Weltkrieg große Geländekäufe getätigt; mit den Bohrversuchen hatte man aber erst im März 1919 begonnen, nachdem der Krieg zu einem Aufschub des Vorhabens genötigt hatte. Wegen der ungewissen Wirtschaftslage wurden die Abteufarbeiten zweimal unterbrochen; erst im Jahre 1926 erreichte man auf Schacht VI in 317 Meter Tiefe das Steinkohlengebirge; 1927 konnte die Förderung aufgenommen werden. 1931 wurde mit der Niederbringung von Schacht VII begonnen, in einer Zeit, in der der Bergbau sich dem Tiefpunkt der wirtschaftlichen Depression näherte. Infolge der allgemeinen Krise war die Finanzierung nicht mehr aus eigenen Mitteln mögliches mussten Kredite von 500000 Pfund Sterling aufgenommen werden, die einige große Bankhäuser beschafften. Die Tatsache, dass in dieser Zeit, als die ausländischen Finanziers ganz allgemein ihre Kredite aus Deutschland abzogen, für Rheinpreussen noch ein solcher Kredit bereitgestellt werden konnte, sprach für das große Ansehen, dessen sich Rheinpreussen erfreute.
Heute(1957) sind die Pattbergschächte das Kernstück von Rheinpreussen. Im Namen dieser großen und modern ausgebauten Schachtanlage lebt einer der bedeutendsten Bergleute weiter, ein Mann aus jener Garde, die die Ruhrkohle schon vor dem ersten Weltkrieg zu großen Erfolgen geführt hatte und die zwischen den Kriegen das zeitweise verlorengegangene Terrain zurückzugewinnen vermochte. Heinrich Pattberg leitete Rheinpreussen bis zum Jahre 1932; sein Wirken ist unvergessen und immerwährend spürbar.
Von rd. 18000 Tonnen durchschnittlicher Tagesförderung im Jahre 1955 entfiel ein Drittel auf die Pattbergschächte, die die bei weitem höchste Leistung pro Mann und Schicht aufweisen. In die restlichen zwei Drittel teilen sich die älteren Schächte IV und V und die Zeche Neumühl, rechtsrheinisch gelegen, deren Entwicklung hier nur in ganz kurzen Zügen geschildert werden kann.
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Neumühl , der rechtsrheinische Partner
Neumühl ist gleich Rheinpreussen und der Zeche Zollverein alter Hanielscher Familienbesitz. In ihren ersten Anfängen geht die Zeche Neumühl noch auf den Geheimen Kommerzienrat Franz Haniel zurück. Allerdings hat Franz Haniel nur die Vorbereitung dieses Aufschlusses in Händen gehabt: die Bohrversuche, die Ankäufe von Grubenfeldern und schließlich die Gründung der Gewerkschaft des Steinkohlenbergwerkes Neumühl. Diese bergrechtliche Gewerkschaft wurde im Frühjahr 1867 errichtet, wobei Franz Haniels ältester Sohn Hugo seinen Vater vertrat. Ursprünglich erfolgte die Gründung gemeinsam mit einer seit Generationen als Gutsbesitzer in Neumühl ansässigen Familie namens Morian; Daniel Morian hatte bereits 1853 auf Verabredung mit Franz Haniel in Neumühl nach Kohle gebohrt. In den neunziger Jahren gingen alle Kuxe von Neumühl in den Besitz der Familie Haniel über. Mit der Niederbringung des ersten Schachtes begann Neumühl erst im März 1893, also vier Jahrzehnte nach den ersten Bohrungen. Ähnlich wie bei Rheinpreussen wurde die Niederbringung des ersten Schachtes erschwert durch Schwimmsand und Mergelschichten; und es dauerte bis in den Hochsommer 1896, ehe mit der Kohlenförderung begonnen werden konnte. Die Förderung hob sich erst nach der Jahrhundertwende rascher an und überschritt im Jahre 1902 zum ersten Male die Millionengrenze. Im Jahre 1904 wurde Neumühl Mitglied des Rheinisch/Westfälischen Kohlensyndikats mit einer Jahresbeteiligung von 1,65 Mill. Tonnen. Bis in die dreißiger Jahre hinein wurden Betrieb und Verwaltung von Neumühl getrennt von Rheinpreussen geführt. Dem Syndikat gegenüber trat man zwar gemeinsam auf, aber die Betriebe selbst hatten nichts miteinander zu tun. Die gemeinsame Verwaltung von Rheinpreussen und Neumühl wurde erstmalig im Jahre 1930 erwogen, jedoch wieder zurückgestellt, bis man Mitte 1933 doch dazu kam, die Verwaltung in Homberg zusammenzufassen. Schließlich erfolgte die betriebliche Vereinigung im Herbst 1951, als Rheinpreussen die Gewerkschaftsform aufgab und in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde. Durch den Abschluss eines Organschafts- und Betriebsüberlassungs Vertrages kam es zu diesem Zeitpunkt zur völligen Eingliederung von Neumühl in den Betrieb von Rheinpreussen, wenn auch die Zeche Neumühl unter dem Namen "Bergbau und Industrie Aktiengesellschaft Neumühl" als juristische Person weiterbesteht.
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EINE "REINE" ZECHE
Sogriff die Entwicklung gleichsam zurück auf das rechte Rheinufer, von dem vor fast hundert Jahren Franz Haniel herübergekommen war,-die beiden Ufer fanden sich in einer neuen Gemeinschaft, über den Strom hinweg, mit dem "Kopf" auf seiner linken Seite, mit Rheinpreussen als dem in dieser "Amalgamation" führenden Unternehmen. Dieser in der Sprache der Bergwerksunternehmer an Rhein und Ruhr im 19. Jahrhundert übliche Ausdruck, die Amalgamation oder Amalgamierung, war ein beliebtes wirtschaftspolitisches Schlagwort jener Zeit, in der der Bergbau schwer zu ringen hatte mit den Konkurrenzproblemen, mit dem Preisdruck und mit der Überkapazität. Amalgamieren heißt so viel wie mischen, vereinigen, ineinander fügen - wirtschaftlich, im Leben der Unternehmungen, also fusionieren, wie man später zu sagen pflegte: im Interesse der Rationalisierung sich vereinigen. Rheinpreussen hat sich dem allgemeinen Amalgamationsbestreben versagt und blieb "konzernfrei"; aber eine Einzel Amalgamation erwies sich doch als ratsam und nützlich, die Übernahme von Neumühl. Das änderte aber nichts am Prinzipiellen, an der Tatsache, dass Rheinpreussen niemals die Konzernbildung mitgemacht hat oder in sie einbezogen wurde,-die Konzentrations-Transaktionen, wie sie das Kennzeichen der unternehmungswirtschaftlichen Entwicklung rechts des Rheins waren, insbesondere in Gestalt der Einbeziehung von Steinkohlenbergwerken in den Wirkungskreis der Eisenhüttenwerke. Das lag nicht etwa daran, dass die Kohle von Rheinpreussen sich nicht zur Verkokung eignete; das Gegenteil war der Fall. Die " Amalgamierung" der Steinkohlenzechen mit den Eisenhüttenwerken hatte ihre Wurzel in technischwirtschaftlichen Überlegungen, die die Versorgung der Hüttenwerke mit Brennstoff von regelmäßig gleicher Qualität und ähnliche technischökonomische Probleme betrafen: Sicherung der Rohstoffgrundlagen und darüber hinaus die technischen Motive einer rationellen Energie- und Wärmeverwertung im Kreislauf von Bergwerk, Kokerei, Gaswirtschaft, Hochofenhitze und Erzeugung elektrischer Kraft waren die Beweggründe für die Konzentration. Der "Verbund" universellen Stils war und ist das Ideal der Männer von Kohle und Eisen.
Wenn Rheinpreussen außerhalb solcher Kombinationen und Konzentrationsvorgänge blieb, so mag dies auch daran gelegen haben, dass das Unternehmen in seinen anfänglich großen Wachstumsschwierigkeiten kein besonders reizvolles Objekt war, dass es aber dann gleichsam über Nacht unter der Leitung Heinrich Pattbergs zu einer "Perle" wurde. Rheinpreussen konnte es sich alsdann erlauben, nach dem alten Grundsatz zu verfahren, wonach der Starke am mächtigsten allein ist.
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1904: EINTRITT INS SYNDIKAT
Das alles bedeutete und bedeutet nicht, dass Rheinpreussen den fortschrittlichen Ideen des "Verbundes''' sich verschlossen hätte. Aber die Sonderstellung Rheinpreussen durch das Fernbleiben von der allgemein zu beobachtenden Konzentrationsbewegung hatte noch einen speziellen Grund, der in der Tatsache lag, dass Rheinpreussen lange Zeit hindurch auf dem linken Rheinufer ein Einspänner blieb: Fünfzig Jahre lang war Rheinpreussen das einzige Bergwerksunternehmen am linken Niederrhein. Die "Mode" der fünfziger Jahre war schnell verebbt; die ersten Erfahrungen von Rheinpreussen hatten andere Interessenten abgeschreckt - niemand war so zäh und zielstrebig gewesen wie die Haniels, wie Hochstrate und Pattberg. Erst in unserem Jahrhundert, und zwar 1906, traten andere Unternehmen an die Aufgabe heran, den Kohlenvorrat links des Rheins aufzuschließen. Auch darin, in der Einspännerschaft, lag natürlich lange Zeit hindurch ein Grund für die Sonderstellung von Rheinpreussen, deren verschiedenen Seiten wir uns später zuwenden wollen.
Diese besondere Position kam neben anderem auch darin zum Ausdruck, dass Rheinpreussen, als 1893 die ruinösen Absatzkämpfe im Ruhrbergbau durch die Gründung des Rheinisch/Westfälischen Kohlensyndikats beendet wurden, dem Syndikat nicht beitrat. Das lag nicht nur daran, dass Rheinpreussen damals - es war in der Zeit, als Pattberg die Leitung übernahm - mit seiner langsam wachsenden Förderung und seinen günstigen Absatzchancen insbesondere nach Holland, ferner auch mit seiner guten Vertriebsposition, die die Firma Franz Haniel bot, eine überbetriebliche Ordnung des Absatzes gar nicht brauchte, sondern es kam in dieser Außenseiterschaft eben doch auch wieder ganz einfach die allgemeine bergbaupolitische und psychologische Sonderstellung zum Ausdruck, die das linksrheinische Zechenunternehmen gegenüber dem rechtsrheinischen Gros des Steinkohlenbergbaus einnahm. Was das Syndikat anbelangt, so änderte sich dieses Verhältnis erst in unserem Jahrhundert. 1904 erreichte Rheinpreussen zum ersten Male eine Jahresproduktion von 1 Million Tonnen und begann damit zu einem Faktor am Kohlenmarkt zu werden, den man nicht mehr übersehen konnte. 1906,d.h.also nach nur zwei Jahren, hatte sich die Förderung bereits auf 2 Millionen Tonnen erhöht; dann verlangsamte sich der Anstieg, und Rheinpreussen brachte es im letzten Jahr vor dem ersten Weltkrieg auf 2,76 Millionen Tonnen Förderung. Aber bereits im Jahre 1904 muss man sich in Fachkreisen darüber klar gewesen sein, dass in Rheinpreussen mehr steckte, als die damalige Förderung rein äußerlich erkennen ließ, sonst hätte man Generaldirektor Pattberg wahrscheinlich nicht gleich zu Anfang 3 Millionen Tonnen Syndikatsbeteiligung, also das Dreifache dessen, was Rheinpreussen damals tatsächlich förderte, angeboten, um das Unternehmen ins Syndikat hineinzubekommen. Diese Offerte war großzügig, sie war zu vorteilhaft, als dass Rheinpreussen sie hätte ablehnen und "draußenbleiben" können. Im ganzen war das Ergebnis der um die Jahrhundertwende liegenden Jahre, dass der Anteil von Rheinpreussen an der gesamten Ruhrkohlenförderung von 0,9 v. H. im Jahre 1893 auf 2,4 v.H. im Jahre 1913 stieg; im Jahre 1955 hat das Unternehmen einschließlich Neumühl einen Anteil von 4,5 v. H. erreicht.
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DIE SELBSTFINANZIERUNG ..
Erst sehr spät hatte Rheinpreussen zum erstenmal eine Ausbeute an die Gewerken bezahlt. In den ersten zehn Jahren hatte Franz Haniel die kostspielige Finanzierung des Feldererwerbs, der langwierigen Bohrungen und der verlustreichen Phasen des Schachtbaus ganz allein aufgebracht, indem er die Überschüsse seiner sonstigen Unternehmungen und Beteiligungen immer wieder in die Aufschließungsarbeiten bei Rheinpreussen hineingesteckt hatte.
Nach dem Tode Franz Haniels setzten seine Erben diese Politik der zähen Beharrlichkeit und der finanziellen Opfer geduldig fort. Es sollte nach Franz Haniels Ableben noch Jahrzehnte dauern, ehe die Erben zum erstenmal eine Ausbeute erhielten. Immer wieder leisteten sie Zubußen wie vorher Franz Haniel selbst-von 1851 bis 1874 im ganzen 1,16 Millionen Taler, sodann von 1875 bis 1888 fast 4 Millionen Mark-,und immer wieder erklärten sie sich damit einverstanden, dass die aus der Produktion erzielten Gewinne zur Finanzierung neuer Investitionen verwendet wurden.
Es hatte dreißig Jahre gedauert, bis Rheinpreussen aus den "roten Zahlen" herauskam und keine Zubußen mehr einzuziehen brauchte, aber sobald gegen Ende der neunziger Jahre bei einer Jahresförderung von etwa 500000 Tonnen die ersten Überschüsse anfielen, setzte Heinrich Hochstrate es Hugo Haniel und den übrigen Eigentümern gegenüber durch, dass die Niederbringung eines dritten Schachtes in Angriff genommen wurde,-mit ändern Worten: Die Gewinne wurden zum weiteren Ausbau verwendet und nicht an die Gewerken ausgeschüttet.
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...IST HISTORISCH GERECHTFERTIGT
Die sogenannte Selbstfinanzierung ist nämlich gar nichts Neues, wie es manche Diskussionen in unserer Zeit vermuten lassen könnten-Debatten, in denen fast regelmäßig ein Verdammungsurteil über die Selbstfinanzierung ausgesprochen wird -, sondern sie ist genau so alt wie der Bergbau selbst und überhaupt wie die ganze Wirtschaft im modernen Sinne. Zu allen Zeiten haben die Unternehmungen aller Art und aller Größenklassen ihre Entwicklung und ihren Ausbau mindestens zum Teil, in der Regel sogar zu einem großen Teil aus den Erträgen finanziert, und zu allen Zeiten haben kluge und tüchtige Eigentümer der Unternehmungen den größten Teil ihrer Gewinne nicht für ihren persönlichen Lebensunterhalt verbraucht, sondern sie zur Ausweitung und Vervollkommnung ihrer Betriebsanlagen benutzt. Das alles waren früher Selbstverständlichkeiten, und erst nach der gewaltigen Steigerung der Steuersätze hat man angefangen, die sogenannte Selbstfinanzierung zu beargwöhnen. Wir vergessen zu leicht, dass in den Zeiten unserer Großväter, d.h. also zu Hochstrates Zeiten und als Pattberg die Leitung übernahm, der Spitzensatz der Einkommensteuerprogression bei 4 v. H. lag! Damals gab es keine Probleme der steuerlichen Abschreibungsmöglichkeiten oder ähnliche Fragen, die heute bewirken, dass überhaupt kaum noch ein unternehmerischer Entschluss gefasst wird, ohne dass dabei die steuerlichen Wirkungen eine ausschlaggebende Rolle spielen. In den ersten Jahren unseres Jahrhunderts flossen alljährlich nur etwa 10 v. H. des Volkseinkommens durch die Kassen und Bücher der öffentlichen Hand; heute beträgt der Anteil 42 v. H. Das ist es, was Wachstum und Rationalisierung in allen Wirtschaftszweigen hemmt, und dessen sollten wir uns bewusst bleiben, besonders bei den Auseinandersetzungen über die Selbstfinanzierung,-gerade in der Erinnerung an jene Zeiten, in denen die alten Gründer und Promotoren des Bergbaus die Entwicklung ihrer Betriebe durch fortgesetzte Eigenkapitalbildung vorantrieben, indem sie die Überschüsse zu neuen Investitionen verwendeten.
Rheinpreussens Geschichte illustriert diese Gestaltung-bis in die Anfänge unseres Jahrhunderts hinein. Nach dem ersten Weltkrieg aber wurden die Aufgaben größer als die Selbstfinanzierungskräfte.
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HÖHEN UND TÄLER
In der Rückschau auf die Zeit um die Jahrhundertwende wird der unauflösliche Zusammenhang zwischen der gesunden Finanzierung und der Produktionssteigerung - d.h. der Mehrbeschäftigung, also einer sozialen Aufgabe - besonders deutlich sichtbar. Bringt man die Zahlen der Kohlenförderung in einem statistischen Kurvenbild zur Darstellung, so ergibt sich bis zu dem Jahre, in dem der erste Weltkrieg ausbrach, ein zunächst langsamer, dann aber steiler Anstieg. Die Zeichnung beginnt im Jahre 1876; erst zwanzig Jahre nach der Ausfertigung der Konzession konnte Rheinpreussen mit der Förderung beginnen. Bis in die neunziger Jahre hinein vollzog sich der Anstieg verhältnismäßig flach; dann aber, vom Jahre 1897 ab, wurde das Tempo lebhafter, wobei die Grafik genau erkennen lässt ,  wie viel jeweils die einzelnen Schächte zum Gesamtergebnis beitrugen. Sie lösten einander ab, die Linien steigen hintereinander an und fallen wieder ab, die Kurve für Schacht III vorzeitig - diese Anlage wurde bereits kurz vor dem Beginn des ersten Weltkrieges stillgelegt-/während Schacht I und II länger lebten, nämlich bis in die zweite Hälfte der zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts hinein. 1904/1905 begann die Förderung auf den Schächten IV und V. Die Pattbergschächte, die 1927 in Förderung kamen, hoben schließlich, zusammen mit Neumühl, das Förderergebnis weit über die vorherigen Zahlen hinaus. Im ganzen sind die Kurven recht gebirgig, mit zackigen Gipfeln und schroffen Schluchten, von denen die tiefste in unserem Jahrhundert, in der Elendszeit von 1945, liegt. Das war die Zeit, in der nach dem verlorenen Krieg und nach den schweren Schäden, die die Bomben der alliierten Luftwaffe geschlagen hatten, die Bergarbeiter, durch die Kriegsnöte geschwächt und nach einem Kalorienkatalog höchst ungenügend ernährt, kaum noch in der Lage waren, der Arbeit nachzugehen. Fast alle Wohnungen waren zerstört oder schwer beschädigt; die Zukunft war von einem schwarzen Vorhang verdeckt; niemand vermochte an ein neues Glück zu glauben. Die Förderung von Rheinpreussen lag zwar pro Mann und Schicht auch damals noch erheblich über dem Durchschnitt im Ruhrbergbau, aber sie sank doch auf etwa drei Fünftel dessen herab, was unmittelbar vor dem zweiten Weltkrieg und in seinem ersten Jahr erreicht worden war.
Diese Leistung pro Mann und Schicht, der sogenannte Schichtförderanteil, ist eines der wichtigsten statistischen Daten, die der ganze Bergbau und mit ihm die einzelnen Zechen und Zechengruppen kennen. Seit es eine derartige Gesamtstatistik gibt, ist Rheinpreussen stets in der Spitzengruppe gewesen, und zeitweise - so auch heute wieder - bedeuteten die Leistungen von Rheinpreussen in dieser Hinsicht Rekordzahlen. Das lag nicht zuletzt an den versuchsfreudigen Technikern, die immer wieder durch Neukonstruktionen von Fördermitteln und Maschinen Wege suchten, um die Arbeit des Bergmanns zu erleichtern, ein Kapitel, das später noch zu behandeln sein wird. Gerade weil die Männer von Rheinpreussen in den ersten Jahrzehnten so schwer mit dem Gebirge und dem Wasser zu ringen hatten, entbrannte in ihnen immer wieder der Ehrgeiz nach Spitzenleistungen in der Rationalisierung und Mechanisierung.
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ERINNERUNG AN SCHWERSTE ZEITEN
Die Kurve der Gesamtförderung zeigte indessen nicht nur in und unmittelbar nach den beiden Weltkriegen so tiefe Schluchten, sondern auch im tiefsten Frieden ergab sich einmal ein schwerer Rückschlag. Das war in der Weltkrise am Beginn der dreißiger Jahre, in der Zeit, als man im Deutschen Reich mehr als sechs Millionen Arbeitslose zählte, als zahlreiche Fabriken und Werkstätten stillagen und der Kohleverbrauch immer weiter absank, als die Kohlenförderung des Ruhrgebietes auf die Zahlen der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zurückfiel und als sich der Menschen eine Mutlosigkeit bemächtigte, wie sie niemals vorher im deutschen Wirtschaftsleben festzustellen war.
Noch tiefer war die Förderung abgesunken, als in dem Nachkriegsende zu Beginn der zwanziger Jahre Ruhr kämpf, passiver Widerstand, kommunistische Revolten, Kapp Putsch und Micum (Interalliierte Kontrollkommission für die Eisenindustrie und die Bergwerke) die Innen- und Außenpolitik bestimmten. Unter solchen äußeren Verhältnissen, die sich auch bei Rheinpreussen durch Unruhen und Unzufriedenheit in der Belegschaft auswirkten, war eine rationelle Förderung schließlich überhaupt nicht mehr möglich.
Wie der gesamte Ruhrbergbau, so konnte sich auch Rheinpreussen von diesem Schock nur sehr langsam wieder erholen. Die politischen Verhältnisse stabilisierten sich zwar nach 1924 ziemlich rasch - wenigstens dem äußeren Anschein nach -, aber die Lage des internationalen Kohlenmarktes erzwang sogar nach dem Ende der Inflation und nach der Währungsstabilisierung noch Einschränkungsmaßnahmen: Auf Schacht I/II überstiegen im Sommer 1925 schließlich infolge des geringen Ausnutzungsgrades der Anlagen die Selbstkosten die Erlöse erheblich, so dass im August 1925 die Stillegung dieser ältesten Zeche unvermeidlich wurde. Wenn dem Bergbau nicht kurz danach ein glücklicher Zufall eine bessere Chance gegeben hätte, wäre nicht abzusehen gewesen, wohin der Schrumpfungsprozess noch geführt hätte.Aber das alte Sprichwort von der größten Not, in der die Hilfe am nächsten ist, sollte sich wieder einmal bewahrheiten: Im Jahre 1926 brach in Großbritannien der große Bergarbeiterstreik aus, ein weltbewegendes Ereignis, das für mehrere Monate die englischen, walisischen und schottischen Gruben fast gänzlich lahm legte, die britische Kohle fast völlig vom Weltmarkt verschwinden ließ, die Nachfrage nach deutscher Kohle plötzlich mächtig hinauftrieb und dem Ruhrbergbau gleichsam über Nacht eine größere Bedeutung als je zuvor auf dem Weltmarkt zuwies. Die allgemeine Konjunktur kam in den folgenden Jahren dieser Aufwärtsbewegung weiter zugute. Wenn der Bergbau trotzdem auch im Spitzenjahr dieser Konjunktur -1929 - nicht ganz die Vorkriegsförderung erreichen konnte, so zog doch in den Jahren 1927/28 wieder einiger Optimismus ein. Er mündete freilich schon nach der verhältnismäßig kurzen Zeit von drei Jahren in neue Schwächetendenzen ein, die sich alsdann zu einer Depression verschärften, die wiederum große soziale und wirtschaftliche Nöte mit sich brachte.
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DIE KRISE AM BEGINN DER DREISSIGER JAHRE
Vergleicht man mit diesen Nöten, deren sich heute nur noch die Älteren unter uns zu entsinnen vermögen, den Anstieg, der auf Rheinpreussen seit 1946 und sodann erst recht seit der Geldreform von 1948 einsetzte, so wird umso klarer, welche Sorgen die Väter der jetzt lebenden Generation durchzumachen hatten. Das galt besonders für die Jahre von 1930 bis 1932, die mehrfach Lohnsenkungen brachten, da auf andere Weise mit dem Selbstkostenproblem überhaupt nicht mehr fertig zu werden war.
In unseren Jahren, in denen der Energiebedarf ununterbrochen ansteigt und in die der hundertste Geburtstag von Rheinpreussen fällt, vermögen wir uns derartige Maßnahmen überhaupt nicht mehr vorzustellen. Stillegungen ganzer Schächte aus Gründen der Absatzlage erscheinen uns als etwas geradezu Unmögliches. Heute ist auch ein Wort fast unbekannt geworden, das früher einmal der Schrecken der Bergleute und ihrer Familien war, das Wort "Feierschicht". Seit dem zweiten Weltkrieg hat es unfreiwillige Feierschichten der Bergleute im rheinisch/westfälischen Steinkohlenbergbau kaum mehr gegeben, abgesehen von einer kurzen Zeit der Flaute um das Jahr 1954. Aber von da an stand der Kohlenmarkt im Zeichen des Mangels - Mangel an Kohle, Mangel an Arbeitskräften.
Man kann sich heute kaum noch in die Situation hineinversetzen, wie sie beispielsweise am Anfang der dreißiger Jahre zu verzeichnen war. Die Hochkonjunktur von 1928/29 machte sehr schnell einer Enttäuschung Platz; schon das Jahr 1930 brachte erhebliche Absatzschwierigkeiten. In den sechs Jahren von 1930 bis 1935 mussten auf Rheinpreussen IV und V insgesamt 508 Feierschichten eingelegt werden, auf den Pattbergschächten 440; das bedeutete bei einer normalen jährlichen Schichtzahl von 305, dass rund 28 v. H. aller Schichten auf den Rheinpreussen Schächten und rund 24 v. H. auf den Pattbergschächten gefeiert werden mussten.
Diese beträchtlichen Betriebseinschränkungen mit ihrem empfindlichen Verdienstausfall für die Bergleute ließen sich nicht vermeiden, obwohl die Belegschaftszahl in den Jahren von 1929 bis 1932 um fast ein Viertel verringert wurde, nachdem schon in den vorangegangenen Jahren Entlassungen hatten vorgenommen werden müssen. Mit dem Rückgang der Gesamtbelegschaftszahl um 24,1 v. H. lag Rheinpreussen dabei unter dem Ruhrgebietsdurchschnitt, mit den Feierschichten dagegen darüber.
Man versuchte also alles Menschenmögliche, um die Bergleute vor dem Schrecken der völligen Beschäftigungslosigkeit zu bewahren. Aber dieses Streben hatte seine Grenzen in den hohen unproduktiven Kosten der Feierschichten, die für das Unternehmen selbst finanziell eine auf die Dauer gar nicht zu tragende Belastung brachten. Wären die Pattbergschächte und daneben auch die Schachtanlagen IV und V nicht technisch aufs modernste ausgestattet gewesen, so hätten diese schweren Zeiten Rheinpreussen noch weiter zurückgeworfen. In dieser Zeit rechtfertigte und bewährte sich also erst recht die Konzentration der Förderung auf die neuen Schächte sowie anderseits die gleichzeitige Stillegung der Anlagen I/II und III.
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