Ins Zweite Jahrhundert


Eine Chronik schreibt nur derjenige, dem die Gegenwart wichtig ist.        Goethe

Ins zweite Jahrhundert

Pattbergs Erbe - 
Auf die Menschen kommt es an - 
Der Zwang der "sozialen Konkurenz" - 
Die Kohle hingt nach - 
Das Preisproblem als Angelpunkt - 
Einst und jetzt - 
Vier verpflichtende Namen



An der Schwelle des zweiten Jahrhunderts fasst der Geschäftsbericht 1955 das bis heute Erreichte in nüchternen Zahlen zusammen. Mit einer Belegschaft von 18 390 Mann wurde ein Jahresumsatz von 314,5 Millionen DM erzielt, je Beschäftigten also 17100 DM; die Kohlenförderung von 5,453 Millionen Tonnen spiegelt eine Leistung pro Mann und Schicht im Untertagebetrieb von 2 036 kg wider, womit Rheinpreussen nicht weniger als 30 v. H. über der durchschnittlichen Leistung des gesamten rheinisch/westfälischen Kohlenreviers von 1572 kg lag. Die Personalkosten von 134 Millionen DM oder 7290 DM pro Kopf der Belegschaft machten 42,7 v. H. des Umsatzes aus. Den Eigentümern des Unternehmens, den Aktionären, verblieb von dem Umsatz als Kapitalertrag nur ein relativ kleiner Teil von 7 Millionen DM, also weniger als 2,5 v. H., hauptsächlich deshalb, weil der größere Teilhaber, der Fiskus, sich das beste Stück "aus dem Kuchen" herausschnitt, wie die von der Gesellschaft veröffentlichten Zahlen dartun.

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PATTBERGS ERBE

Seit 1948 hat Rheinpreussen 200 Millionen DM in die Betriebe gesteckt - wovon etwa ein Viertel nicht aus eigenen Kräften finanziert, sondern durch Kreditaufnahme gedeckt wurde -, aber neuerer größerer Aufwand steht noch bevor. Denn der Steinkohlenbergbau muss noch mehr leisten, wenn die Kohle ihre Rolle als wichtigster Energieträger behaupten will. Schon 1955 hat sich die Durch= Schnittsförderung der Grubenbetriebe auf mehr als 18000 Tonnen pro Tag heben können.
Zum größten Teil ist das Plus der Leistungssteigerung zu verdanken, die auf den Pattbergschächten erzielt werden konnte. Die Leistung je Mann und Schicht erreichte auf den Pattbergschächten 2767 kg gegen 2403 kg im Jahre 1954. Nach wie vor steht die gesamte Grubenleistung, die 1955 die Zwei Tonnen Grenze pro Tag und Kopf der Belegschaft überschritt, ebenfalls an der Spitze aller Bergbaugesellschaften des Ruhrbezirks, die mehrere Förderanlagen betreiben. Neben den Pattbergschächten liegen auch die Schächte IV und V mit rund 2000 kg in der Spitzengruppe und weit über dem Ruhrdurchschnitt, während Neumühl mit ungefähr 1 1/2 Tonnen sich etwas unter dem Mittelwert hält.
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AUF DIE MENSCHEN KOMMT ES AN
Die Pattbergschächte könnten noch mehr leisten, 8000 Tagestonnen oder auch etwas darüber, wenn es möglich wäre, mehr Bergleute anzulegen. Aber hier stößt man nun auf die Grenze der Produktionssteigerung. Es ist schwieriger, Arbeitskräfte zu bekommen, als Investitionen zu finanzieren! Könnte man wenigstens die Fehlschichten herabdrücken, so würde das schon einen wesentliehen Fortschritt bedeuten. Wenn im Jahre 1955 die Fehlschichten in den Untertagebetrieben etwa 18 v. H. ausgemacht haben, so heißt das, dass dort jeder fünfte oder sechste Bergmann ausfällt. Es ist leicht zu verstehen, was das für die Förderung bedeutet. Im übrigen aber ist 1955 sogar die Gesamtbelegschaftszahl zum ersten Male nach dem Kriege rückläufig gewesen, wenn auch nur um etwa 1/2 v. H. Im Jahre 1955 wurden zwar 3 416 Kräfte neu eingestellt, aber zugleich gingen 3 607 wieder ab, so dass die Gesamtzahl von 18489 auf 18 390 sank. Dabei sah die Leitung des Unternehmens nach wie vor ihre besondere Aufgabe darin, die Zusammenarbeit zwischen den Beschäftigten und den Betriebsleitungen 
auf allen Stufen zu stärken. Durch fortlaufende Berichte in der Werkszeitung wird die Belegschaft über die wichtigsten Betriebsvorgänge und über die weiteren Pläne unterrichtet. In regelmäßigen Abständen werden Betriebsbesprechungen durchgeführt, in denen die Mitglieder des Vorstandes sich mit den verantwortlichen Mitarbeitern und den Vertretern der Belegschaft unterhalten. Es ist der Wunsch der Unternehmensleitung, die Mitarbeit im Betrieb durch Überzeugung und Einsichtnahme zu gewinnen und jedem die Zufriedenheit zu vermitteln, die das Bewusstsein, an einem sinnvollen Ganzen mitzuarbeiten, gewährt.
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DER ZWANG DER "SOZIALEN KONKURRENZ"
Das Arbeiterproblem ist das Kardinalproblem des Steinkohlenbergbaus. Die Bundesrepublik mit ihrem Bergbau, ihren sonstigen Industrien und überhaupt allen ihren Wirtschaftszweigen steht in der Welt nicht nur in einem wirtschaftlichen Wettbewerb, sondern dieser Wettbewerb ist zugleich auch eine soziale Konkurrenz. Von den USA, dem Land, das aus der Anwendung technischer Hilfsmittel bisher den größten Nutzen hat ziehen können, geht ein unabweisbarer Zwang aus, in den Wettbewerbsländern ein Gleiches zu erreichen,-kein Land kann sich diesem Zwang entziehen, auf die Dauer nicht einmal die Staaten hinter dem Eisernen Vorhang. Um wie viel mehr steht Europa vor der Aufgabe, den Vorsprung Amerikas einzuholen, des Konkurrenten, der zwar nur 7 v. H. der Weltbevölkerung innerhalb seiner Grenzen wohnen hat, der aber annähernd die Hälfte der industriellen Weltproduktion leistet. Europa muss, um den Vorsprung der USA einholen zu können, seine Produktionsleistung pro Kopf der Bevölkerung verdoppeln, damit es sich auch im Verbrauch das Doppelte der bisherigen Größenordnungen leisten kann.
Zwei Voraussetzungen sind hierfür zu erfüllen:
Es muss der große einheitliche Absatzmarkt in Europa geschaffen werden, wie ihn die Amerikaner in ihrem Lande schon seit dem Beginn der Industrialisierung gehabt haben - das ist eine politische Aufgabe, zu der die in der Wirtschaft tätigen Menschen unmittelbar nichts beisteuern können.
Die zweite Voraussetzung aber ist Sache jedes einzelnen Unternehmens und jedes in der Wirtschaft tätigen Menschen: die Rationalisierung.
Rheinpreussen hat in den Jahren nach der Währungsreform von 1948 bis 1955 ein großes Investitionsprogramm mit dem schon genannten Aufwand von über 200 Millionen DM vollendet. Was dabei im einzelnen geleistet wurde, kann hier nicht geschildert werden. Der Gesamteffekt kommt in den Leistungszahlen und in der Produktionssteigerung überzeugend zum Ausdruck.
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DIE KOHLE HINKT NACH

Kehren wir zurück zu den allgemeinen Perspektiven der Kohle: Sie hinkt im allgemeinen wirtschafte liehen Anstieg nach, und das ist für den Bergbau eine Warnung und eine Mahnung. Die gesamte industrielle Produktion ist, setzt man die Zahlen von 1936 = 100, bis zum Jahre 1955 auf 204 gestiegen; der Produktionsindex des Kohlenbergbaus erhöhte sich nur auf 119. Dabei ist anzunehmen, dass der Bedarf innerhalb der nächsten 20 Jahre um 50 v. H. steigen kann. Wir sind aber heute schon im Bundesgebiet in einem Umfang von der Einfuhr amerikanischer Kohle abhängig, der für den Fall etwa eines Bergarbeiterstreiks in den USA ernste Störungen in unserer Wirtschaft zur Folge haben muss. Wir stehen also vor der Notwendigkeit, unsere Steinkohlenförderung zu erhöhen, sonst baut unsere gesamte Industrie auf Sand.
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DAS PREISPROBLEM ALS ANGELPUNKT

Die Aufgabe des Bergbaus, den Energiebedarf zu decken, kann nicht ohne Zusammenhang mit dem Preisproblem behandelt werden. Der Idealfall völliger Preisfreiheit führt automatisch zu einem Ausgleich von Angebot und Nachfrage. Dieser Automatismus gehört zu den Grundgesetzen des Wirtschaftslebens, die keine Wirtschaftspolitik, kein noch so gutgemeinter staatlicher Eingriff auf die Dauer außer Kraft setzen kann. Der Kohlenbergbau hat eigentlich schon seit fast vier Jahrzehnten keine Preisfreiheit mehr gekannt. Schon seit 1919 unterlag die Festsetzung der Ruhrkohlenpreise, die damals das Rheinisch/Westfälische Kohlensyndikat vornahm, der behördlichen Genehmigung. In der Zeit nach 1933 herrschte sodann der Preisstop, und nach dem zweiten Weltkrieg gab es erst recht keine selbstverantwortliche Gestaltung der Kohlenpreise durch die Zechen oder ihre Organisationen. Die leider weitverbreitete Vorstellung, die Kohlenpreise würden "davonlaufen", wenn man sie völlig freigeben würde, ist unbegründet. Der natürliche Wettbewerb anderer Energiequellen hat zu allen Zeiten den Preisbewegungen Grenzen gesetzt und wird dies zukünftig vielleicht sogar in noch höherem Maße tun als bisher.
Auf der anderen Seite haben erfahrungsgemäss - das hat gerade die Zeit nach 1948 gelehrt - nur diejenigen Wirtschaftszweige, die in ihren Preisdispositionen frei waren und sind, die zum Ausgleich von Nachfrage und Angebot erforderliche Produktionssteigerung verwirklichen können.
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EINST UND JETZT

Der fünfzigste Geburtstag von Rheinpreussen fiel in eine Periode stetigen Anstiegs. Das Jahr 1907 sah die Gewerkschaft Rheinpreussen nach dem Abschluss schmerzlicher Lehrjahre in gesundem Wachstum.
Der fünfundsiebzigste Geburtstag stand umgekehrt im Zeichen schwerster Depression; das Jahr 1932 brachte den Tiefpunkt der Weltwirtschaftskrise mit ernstesten Sorgen für den Bergbau und alle in ihm verbliebenen Menschen, mehr noch für die zu unfreiwilliger Muße Verurteilten. Der hundertste Geburtstag spielt sich nun wieder vor einer gänzlich anderen Szenerie, in einer anderen Stimmung ab: Steigender Energiebedarf! Mehr Kohle! Es muss weiter rationalisiert wer= den; sowohl in der Förderung wie in der Energiewirtschaft und der chemischen Auswertung der Kohle bedeutet das weitere große Investitionen. Rein äußerlich ist der wichtigste Kontrast zu der Zeit von 1931: Vor einem Vierteljahrhundert war die Kohle schwer verkäuflich - heute ist sie schwer zu kaufen. So hat jede Zeit ihre eigenen Sorgen: Damals hätte man Millionen von Tonnen mehr fördern können, heute wäre man froh, wenn man es könnte. Damals suchten die Menschen die Arbeit, heute sucht die Arbeit die Menschen - in der Gegensätzlichkeit der Problematik doch nur ein Ausdruck dafür, daß jede wirtschaftliche Entwicklung ein menschliches Problem darstellt.
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VIER VERPFLICHTENDE NAMEN
An der Spitze dieses letzten Kapitels steht ein tief sinniges Wort Goethes: Eine Chronik schreibt nur derjenige, dem die Gegenwart wichtig ist.
Man kann diesen Gedanken auch umkehren, und mit dieser Wendung sei die Jubiläumsschrift beschlössen: Was wir heute erleben, das zeigt uns auf Schritt und Tritt, dass die Leistungen bedeutender Männer der Vergangenheit aus all unserem Tun nicht wegzudenken sind. Ohne dass sie den Boden bereitet hätten, stünden wir nicht dort, wo wir uns heute befinden. Ein Jubiläumsbuch hat deshalb zu schließen mit dem Dank der heute Schaffenden an diejenigen, die in kluger und weitschauender, fleißiger und beharrlicher Arbeit die Schaffensgrundlagen erdachten und verwirklichten.
Vier Namen stehen dabei als die wichtigsten mit für viele andere: Franz Haniel, Heinrich Hochstrate, Heinrich Pattberg und Heinrich Kost. Der vierte lebt und schafft weiter. Die drei ersten sind unvergessen und werden es bleiben, was auch immer die Zukunft für Rheinpreussen bringen wird. Rheinpreussen steht fest in einer an Aufgaben reichen Zeit und geht mutig in sein zweites Jahrhundert hinein.
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