Schwere Jugend



Beim Kleinen beginnt alles, und je größer und mächtiger etwas werden soll, desto langsamer
und scheinbar mühsamer wächst es. Goethe

1.Schwere Jugend 
11. FEBRUAR 1857 
DER MANN, DER DEN MERGEL BESIEGTE 
DIE KOHLE "WANDERT"

DAS GEHEIMNIS DES STROMS 
VIER PHASEN 
HEINRICH HOCHSTRATE 
DIE "GEWERKSCHAFT RHEINPREUSSEN" 
VOM KUX ZUR AKTIE 
DURCHBRUCH ZUM ERFOLG 
                            

11. FEBRUAR 1857
Aber bevor wir die wichtigsten dieser Besonderheiten schildern-wobei wir uns nicht sklavisch an die Jahre und ihren Turnus klammern wollen-müssen wir ein paar Daten und Zahlen der Geburt, der Jugend und des ersten Wachstums des Hanielschen "Kindes" festhalten. Beim Menschen ist es leicht, sein Geburtsdatum genau zu bezeichnen. Eines Tages kommt er zur Welt, und dieser Tag ist sein Geburtstag. Bei einem wirtschaftlichen Unternehmen ist der "Geburtstag" von einem anderen Gesichtswinkel aus anzusehen.
Als am 5. Juli 1851 der Königlich Preußische Geheime Kommerzienrat Franz Haniel an das Bergamt Düren ein Konzessionsgesuch richtete und die Verleihung eines Grubenfeldes für die Gewinnung von Steinkohle und Eisenstein beantragte, war das neue Unternehmen als solches noch keineswegs entstanden. Folgerichtig feierte Rheinpreussen seinen hundertsten Geburtstag nicht etwa im Jahre 1951, sondern man hält sich an ein anderes Datum. Am 11. Februar 1857 unterzeichnete der zuständige Minister in Berlin die Konzessionsurkunde; und diesen Tag hat man mit Recht als Geburtstag von Rheinpreussen ausersehen; denn im Augenblick der Unterzeichnung dieser Urkunde trat das Unternehmen amtlich ins Leben.
In den 5 1/2 Jahren, die zwischen dem Konzessionsgesuch und der Erteilung der königlichen Genehmigung lagen, war freilich schon allerlei geschehen, sowohl was die Suche nach Kohle anbelangte, wie auch im "Papierkrieg", der offensichtlich schon damals unvermeidlich war. Zwei Wochen nach der Einreichung des Konzessionsgesuches, am 21. Juli 1851, begann Franz Haniel mit der ersten Bohrung, aber erst fast drei Jahre später, am 15. Mai 1854, stieß man beim sechsten Versuch in 174,5 Meter Teufe auf Kohle. Inzwischen hatten sich andere Unternehmer mit dem Versuch von Feldererwerb in der Nachbarschaft zu Wort gemeldet; sie protestierten gegen die beabsichtigte Konzessionserteilung an Franz Haniel, der sich zugleich auch mit Gemeinden und ihren Ansprüchen auseinander zu setzen hatte. Das Gebiet am linken Niederrhein war plötzlich "Mode" geworden; andere Interessenten versuchten dem Hanielschen Vorhaben allerlei Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Aber Franz Haniel setzte sich durch; alle Ränke und Eifersüchteleien konnten die Konzessionserteilung nicht aufhalten und auch nicht verhindern, daß Franz Haniel weitere Verleihungen erhielt, die seinen Felderbesitz rasch wesentlich vergrößerten. Rund 15 557 ha hatte er ursprünglich beantragt; das war eine noch nie da gewesene Größenordnung, und auch die Zuteilung von über 35000 Morgen, die er schließlich wegen der besonderen berg= baulichen Verhältnisse am linken Niederrhein erhielt, bedeutete noch einen Rekord. Nach preußischem Bergrecht, wie es rechtsrheinisch galt, wäre eine solche Ausdehnung der Gerechtsame gar nicht möglich gewesen, aber linksrheinisch war bis 1865 noch französisches Bergrecht in Kraft; und dieser Tatsache verdankte Franz Haniel den beachtlichen Anfangserfolg. 
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DER MANN, DER DEN MERGEL BESIEGTE
Es war nicht der erste Erfolg, den Franz Haniel in seinem Leben zu verzeichnen hatte. Werfen wir rasch einen Blick auf den Lebensweg dieses bedeutenden, aus der Geschichte der rheinischen Wirtschaft nicht wegzudenkenden Mannes. Er stand um die Mitte des vorigen Jahrhunderts - in seinem siebzigsten Lebensjahr - bereits auf stolzer Höhe unternehmerischer Erfolge. Er war der Spross einer Familie, die im 17. Jahrhundert aus Pommern an den Rhein gezogen war; der Ursprung des Geschlechts hatte aber wahrscheinlich in Flandern gelegen. Der Vater Franz Haniels betrieb in Ruhrort ein Handelsgeschäft; die Familie war vom Weinhandel in den Kohlenhandel und in die Spedition gelangt. Verwandtschaftliche Beziehungen verbanden die Haniels mit der Essener Familie Huyssen und mit den Jacobis in Oberhausen, geschäftliche Beziehungen mit den Krupps- von der Familie Krupp übernahmen die Haniels zusammen mit den Jacobis und den Huyssens die Eisenhütte Neu-Essen, die sie mit zwei anderen Eisenhüttenwerken in der Oberhausener Gegend verschmolzen, woraus später die Gutehoffnungshütte entstand. Franz Haniel war damals erst 29 Jahre alt, aber schon ein höchst erfolgreicher und bekannter Kaufmann und Industrieller. Zwanzig Jahre später streckte er die ersten Fühler nach dem linken Rheinufer aus, indem er am 25. August 1828 bedeutende Ländereien und ein großes Stück des Hornberger Waldes erwarb, zunächst vielleicht nur aus Gründen der landwirtschaftlichen Nutzung.
Im übrigen aber widmete sich Franz Haniel, was seine bergbaulichen Unternehmungen anbelangte, damals noch ausschließlich der rechtsrheinischen Kohle. Er war der erste, dem es gelang, einen Schacht im Mergelgebiet niederzubringen. Dies geschah in den Jahren 1831-1834; der Schacht erhielt den Namen "Franz". 

                                            

Es war eine kühne Tat, vor der die Bergleute bis dahin zurückgeschreckt waren, weil die geologischen und technischen Schwierigkeiten unüberwindlich erschienen. Aber es war wohl der Einblick in das wachsende Eisenhüttenwesen und seine zukünftige Brennstoffversorgung, eine wichtige wirtschaftliche Perspektive, die Franz Haniel veranlasste, den großen Wurf zu wagen und sich mit dem Mergel auseinander zu setzen.Die Hochöfen der Eisenhütten brauchen guten Koks, wie ihn nur die Fettkohlen der tieferen Schichten liefern können. Der alte Stollenbau erreichte diese Schichten nicht; also galt es, mit neuartigen Methoden durch die wasserhaltigen Mergelschichten hindurchzustoßen, - und dies gelang dem Industriepionier Franz Haniel.Er war einer der ersten, die im Koksbedarf der Hüttenwerke einen überaus wichtigen Aspekt der industriellen Zukunft ahnten. Der Steinkohlenbergbau an der Ruhr, das sah Franz Haniel wohl damals schon, konnte auf die Dauer seine Aufgaben nicht erfüllen, wenn er auf sein ursprüngliches Gebiet beschränkt blieb.
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DIE KOHLE "WANDERT"
Die Ausdehnung ins Mergelgebiet nördlich von Duisburg entsprang dieser Einsicht. Beim nächsten Schritt Franz Haniels, den er zu erneuter Ausweitung des geographischen Radius' der Kohle tat, bei dem Schritt über den Rhein hinweg, scheint allerdings der Gedanke an die Eisenhütten keine wesentliche Rolle gespielt zu haben, sondern der Kohlenhändler Franz Haniel hatte offenbar das Bestreben, der Konkurrenz entgegenzutreten, die der preußische Bergfiskus mit der Saarkohle den Ruhrzechen im Geschäft am Oberrhein bereitete. Diesem Wettbewerb konnten nur die "nassen" Zechen entgegentreten, die am Wasserweg liegenden und nicht von der Bahntarifpolitik des Staates abhängigen Bergwerke.
Zwischen Rheinpreussen und den Eisenhüttenwerken, an denen die Haniels zusammen mit anderen Familien interessiert waren, haben niemals irgendwelche engeren wirtschaftlichen oder finanziellen Zusammenhänge bestanden. Rheinpreussen ist nach der im Ruhrbergbau üblichen Begriffsbestimmung stets eine "reine" Zeche geblieben, wobei das Wort "rein" bedeutet, dass das betreffende Unternehmen nicht zum Interessenbereich einer Eisenhütte (oder eines anderen Groß= Verbrauchers von Kohle) gehört und dass insbesondere keine kapitalmäßige Beteiligung einer Eisenhütte oder anderer Unternehmen an der Zeche besteht. Die Auseinandersetzung zwischen den "reinen" Zechen und den sogenannten Hüttenzechen spielte in der Geschichte des Ruhrbergbaus etwa von den achtziger Jahren an, d.h. in jener Zeit, in der Rheinpreussen in größerem Stile in Förderung kam, eine sehr wichtige Rolle, insbesondere auch bei der Gründung des Rheinisch/Westfälischen Kohlensyndikats im Jahre 1893. 

Bleiben wir aber zunächst bei der "Wanderung" der Kohle, bei der Geographie des Bergbaus. Was bedeutet das alte Bergmannswort, das da sagt: die Kohle "wandert" .. .? Es ist eine gleichsam poetische Formel, die mit dichterischer Freiheit den wahren Sachverhalt umschreibt und eigentlich das Gegenteil von dem meint, was sie sagt. Nüchtern betrachtet, kann man natürlich nicht davon sprechen, dass die Kohle wandert, sondern der Mensch wandert der Kohle nach. Im Ruhrbergbau hat sich diese Wanderung der Zechen in der Hauptsache von Süden nach Norden vollzogen. Die Anfänge des Steinkohlenbergbaus in Rheinland/Westfalen lagen an den Ufern der Ruhr, in den Stollenbauten, die horizontal in den Berg hineingingen. Von hier aus dehnte sich der Bergbau später nach Norden aus. Haniels Zeche "Franz", die erste im Mergelgebiet errichtete Schachtanlage, und später seine Zeche "Zollverein" waren in diesem Sinne der Beginn der großen "Wanderung" nach dem Norden. Man wusste damals schon, das die Kohlenvorkommen sich auch nach Westen hin unter dem Rhein fortsetzten. Schon die Tatsache, dass noch weiter westlich, im Aachener Revier, Steinkohle bereits im 12. Jahrhundert gefördert wurde, früher als an der Ruhr, schon diese Tatsache sprach für das Vorhandensein eines durchgehenden Kohlenvorkommens.
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DAS GEHEIMNIS DES STROMS
Geologisch gesehen, ist der Rhein keine Grenze der Mineralien, aber geographisch war er bis weit ins vorige Jahrhundert hinein ein so wichtiger und starker Riegel, dass die Ausdehnung des Bergbaus über den Rhein hinweg oder, wenn man es so will, unter dem großen Strom her den meisten Menschen als ein abwegiger Gedanke erscheinen musste. Drüben im Kreise Moers und in den Nachbarbezirken, insbesondere nach Nordwesten und Norden hinauf, fehlte es ja auch fast vollkommen an einer gewerblichen Tradition, wie sie auf dem rechten Ufer des Rheines seit langem bestand. Es war also Neuland in mehr als einem Sinne, in das Franz Haniel vorstieß, als er 1851 im Kreise Moers nach Kohle zu bohren begann. Ist der Rhein aber nicht im Bewusstsein der Menschen auch in unseren Tagen noch eine Scheidelinie, eine Grenze besonderer Art geblieben! Wir können uns heute kaum noch eine Vorstellung davon machen, wie sehr er in der Praxis des Lebens reale Grenze war, als das Verkehrswesen noch in primitiven Anfängen steckte, als es keine Brücken gab! Zwischen dem Duisburg-Ruhrorter Gebiet und dem Kreise Moers wurde erst 1907 die erste Brücke errichtet! Was vorher der
Begriff des "Drüben", des anderen Ufers, bedeutete, das ist inzwischen längst in die Vergangenheit versunken. Die Bahnen, die Autos auf den Straßen respektieren den Rhein nicht mehr. Aber ein psychisches Geheimnis ist der Strom dennoch geblieben - der Mensch sieht die andere Seite nach wie vor als ein anderes Land ...
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VIER PHASEN
Überblickt man das Wachstum von Rheinpreussen in seinem ganzen Verlauf, so lassen sich vier Entwicklungsphasen nachzeichnen. Die erste war ein an Rückschlägen reicher, zäher Kampf um die Fertigstellung der ersten Anlage mit Schacht I und II, ein Ringen, das fast zwanzig Jahre währte, bevor überhaupt die erste Tonne Kohle gefördert werden konnte.
Als Franz Haniel den Erfolg der Konzessionserteilung verbuchen und sich des Vorteils eines ungewöhnlich großen Felderbesitzes erfreuen konnte, ahnte er noch nicht, welche Schwierigkeiten die Durchführung des Vorhabens mit sich bringen würde, ahnte er vor allem nicht, dass er selbst die Kohle aus Rheinpreussen nicht mehr zu Gesicht bekommen sollte. Es musste sehr viel Geld und Intelligenz in das Gebirge gesteckt werden, bevor der Aufwand sich zu lohnen begann. Die Nachwirkungen beeinflussten die Entwicklung des Unternehmens bis in die achtziger Jahre und setzten sich zum Teil sogar in den Anfang der neunziger Jahre hinein fort.
Die zweite Phase, die die erste zeitlich teilweise überlagerte ,brachte die Niederbringung dreier weiterer Schächte und damit von den neunziger Jahren an eine verhältnismäßig rasche Ausdehnung der Förderung.
Als dritte Phase kann man die Entwicklung der Pattbergschächte betrachten, die in ihren aller ersten Anfängen einige Jahre vor dem ersten Weltkrieg begann, aber erst im Jahre 1927 in der Aufnahme der Förderung gipfelte.
Die vierte Phase schließlich lässt sich ohne genauere zeitliche Abtrennung in der Entwicklung von Rheinpreussen zu einem gemischten Unternehmen des Bergbaus, der Energieerzeugung, der Kraftstoffgewinnung sowie weiterer Erzeugungszweige der Chemie sehen. Diese Phase ist beim hundertsten Geburtstag des Unternehmens noch keineswegs abgeschlossen.
Orientiert man sich an den leitenden Männern, so war die erste Phase das Werk von Franz Haniel und Heinrich Hochstrate; die zweite stand schon weitgehend im Zeichen des Wirkens von Heinrich Pattberg, dessen kraftvolle Persönlichkeit die dritte Phase beherrschte, und in der vierten schließlich rückte der Name Heinrich Kost in den Vordergrund.
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HEINRICH HOCHSTRATE
Franz Haniel, der Gründer, erreichte ein sehr hohes Alter; aber als er am 24. April 1868 in seinem Geburtsort Ruhrort starb, hatte der Neunundachtzigjährige die Krönung seines Werkes nicht mehr erleben können, wenigstens nicht, was Rheinpreussen selbst betraf, denn es schien, als ob die Vollendung des ersten Rheinpreussen Schachtes in weite Ferne gerückt sei: Vier Jahre nach dem Beginn der Arbeiten, im Sommer 1861, war man erst bis in eine Teufe von 94 Metern gelangt, als ein gewaltiger Durchbruch der Schachtsohle erfolgte, bei dem der Schwimmsand um mehr als 17 Meter im Schacht aufstieg. Trotzdem entschloss man sich zur Fortsetzung der Arbeiten. Von entscheidender Bedeutung für ihren Fortgang wie auch für die spätere Entwicklung war zwei Jahre nach der Unterbrechung der Arbeiten die Berufung des Obersteigers Heinrich Hochstrate zum technischen Leiter. Dieser energische Mann konnte das schwierige Problem zwar auch nicht mit einem Schlage lösen, aber er begann mit einer systematischen Untersuchung und Neuplanung. Man ging nach der Wiederaufnahme der Abteufarbeiten dazu über, neue, engere Senkschächte einzusetzen, wenn man nicht mehr vorankam; insgesamt wurden nach der Unterbrechung, die im Jahre 1861 eintrat, noch vier Senkschächte eingesetzt, von denen der letzte nur noch eine lichte Weite von 2,68 Metern hatte. Mit diesem Senkschacht wurde schließlich nach über zwanzigjähriger Abteufzeit das feste Gebirge erreicht; aber erst im Frühjahr 1877 konnte man sagen, dass die Vorbereitungszeit zum Abschluss gekommen war. Inzwischen war Franz Haniel längst tot, und sein Sohn, der Geheime Kommerzienrat Hugo Haniel, hatte die Leitung übernommen, nachdem er bereits jahrelang vorher als "Repräsentant" praktisch die Führung innegehabt hatte.
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DIE "GEWERKSCHAFT RHEINPREUSSEN"
Nach dem Tode Franz Haniels wurde der Bergwerksbesitz der Firma von dem Ruhrorter Stammgeschäft, der Kohlenhandlung und Spedition, abgetrennt, und jedes der drei Hanielschen Bergwerke - Zollverein, Neumühl und Rheinpreussen - erhielt die Rechtsform einer selbständigen Gewerkschaft. Jede dieser Gewerkschaften gliederte sich in tausend Kuxe, die sich ausschließlich im Besitz der sechs direkten Nachkommen Franz Haniels befanden. Hatte bis dahin die Firma Franz Haniel allein die Kosten des ganzen "Vorhabens getragen, so setzte nun auch in der Finanzierung eine neue Ära ein, denn die Gewerkschaft Rheinpreussen konnte von ihren Gewerken Zubußen einfordern; an die Stelle des Geldes von Franz Haniel trat das Geld seiner Erben.
Wenn wir an dieser Stelle einen kurzen Seitenblick in die Unternehmensformen des Bergbaus werfen, so deshalb, weil gerade aus Anlass des Rheinpreussen Geburtstages die Rechtsform der bergrechtlichen Gewerkschaft vor dem Vergessen werden bewahrt werden sollte,-das Unternehmen Rheinpreussen hat fast 85 Jahre in dieser Form gelebt! Die Unternehmensform der bergrechtlichen Gewerkschaft ist heute nahezu ganz von der Bildfläche verschwunden; die Aktiengesellschaft beherrscht das Feld. Auch Rheinpreussen ,ist im Jahre 1951 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden, aber damit ist zugleich gesagt, dass das Unternehmen länger als die meisten anderen Zechen an der Gewerkschaftsform festgehalten hatte.
Die bergrechtliche Gewerkschaft unterscheidet sich in wichtigen Punkten von der Aktiengesellschaft. Der am meisten ins Auge springende Unterschied ist, dass der einzelne Eigentumsanteil nicht auf einen festen Nominalbetrag lautet wie die Aktie, also beispielsweise nicht auf 1000 DM, sondern dass der Kux - so nennt man hier den Eigentumsanteil - einen bestimmten Teil des Gesamtvermögens repräsentiert, und zwar in der Regel den tausendsten Teil. Betrüge der Wert des ganzen Unternehmens also beispielsweise 100 Millionen DM, so stellt der tausendteilige Kux einen Wert von 100000 DM dar. Braucht das Unternehmen Geld, entweder, weil es neue Anlagen errichten oder sein Geschäft auf andere Weise ausdehnen will, oder aber auch, weil es Verluste erlitten hat und seine Vermögensrechnung wieder in Ordnung bringen muss, so kann es eine sogenannte Zubuße ausschreiben, das heißt eine Nachzahlung von den Gewerken, den Eigentümern der Kuxe, einfordern. Die Pflicht zur Zahlung einer solchen Zubuße ist Bestandteil des Vertragsverhältnisses, in dem der Eigentümer des Kuxes zu dem Unternehmen steht. Das bedeutet, dass der Kuxenbesitzer, wenn er die Zubußen nicht zahlen kann oder nicht zahlen will, den Kux verkaufen muss, womit die Zubußepflicht auf den Erwerber übergeht, was naturgemäß nicht ohne Einfluss auf den Preis des Kuxes ist. Bei der Aktie, dem Eigentumsanteil an dem in Form der Aktiengesellschaft arbeitenden Unternehmen, gibt es keine solchen Zubußen.
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VOM KUX ZUR AKTIE
Die bergrechtliche Gewerkschaft und der Kux als Eigentumsanteil an einem solchen Unternehmen sind altes deutsches Rechtsgut, viel älter als die Aktiengesellschaft; und der Bergbau jeder Art hat sich früher dieses Finanzierungsinstrumentes und dieser Rechtsform im Regelfälle bedient. Um die Jahrhundertwende wurden an der Düsseldorfer Börse mehr als 200 Kuxe im offiziellen Wertpapierverkehr gehandelt. Freilich drang schon damals die Aktiengesellschaft vor, und die Zusammenschlussbewegung im Bergbau führte dazu, dass immer mehr Gewerkschaften von größeren Aktiengesellschaften übernommen wurden. Die Aktie ist beweglicher, sie ist eine leichter zu verwertende Vermögensanlage; andererseits ist der Kux das geeignete Werkzeug zur Finanzierung von Vorhaben, deren geldliches Gesamtgewicht und deren Ertragschancen sich anfänglich schwer beurteilen lassen. So war der Kux das Gründungs- und Finanzierungsinstrument der bergbaulichen Pionierzeit. Neuaufschlüsse von Kohlenzechen versprachen zwar unter Umständen hohen Gewinn, enthielten zugleich aber auch ein großes Risiko. Mit einer solchen Mischung von Wagnis und Chance konnte man in der Regel nicht sogleich das breite Publikum der Kapitalgeber ansprechen, sondern nur einen jeweils begrenzten Kreis von finanzkräftigen Einzelinteressenten. Aber der Mensch lebt nicht ewig, auch die Gründer der bergrechtlichen Gewerkschaften verschwinden einmal aus dieser Welt, und mit der Zahl ihrer Kinder und Enkel wächst dann auch die Zahl der Eigentümer, von denen durchaus nicht alle mit dem Besitz so eng verbunden sind, dass sie ihn unter allen Umständen durchhalten wollen. Hierin lag - nicht bei Rheinpreussen, aber in vielen anderen Fällen - oft ein wichtiger Grund für die Umwandlung von Gewerkschaften in Aktiengesellschaften. Bei Rheinpreussen sprach mit - und damit greifen wir der historischen Entwicklung rasch einmal weit voraus -, dass im Jahre 1951 das Mitbestimmungsgesetz in Kraft trat, d. h. die Einbeziehung der Arbeitnehmer in die unternehmerische Verantwortung im Kohlenbergbau und in der eisenschaffenden Industrie. Die Mitverantwortung der Arbeiter und Angestellten wird dadurch dokumentiert, dass die Arbeitnehmer Vertreter in die Aufsichtsräte und Vorstände der Unternehmungen entsenden. Was die Vorstände anbelangt, so wurde durch das Mitbestimmungsgesetz der sogenannte Arbeitsdirektor geschaffen, der innerhalb des Vorstandes die Interessen der Belegschaft zu vertreten und die sozialen Fragen zu bearbeiten hat.
Die bergrechtliche Gewerkschaft war nicht das geeignete Feld für die Anwendung der neuen unternehmensrechtlichen und sozialwirtschaftlichen Prinzipien. So erhielten die schon vorher gepflogenen Gedankengänge für die Umgründung einen neuen, entscheidenden Anstoß.
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DURCHBRUCH ZUM ERFOLG
Kehren wir nach diesem Exkurs zur Frühgeschichte von Rheinpreussen zurück: Trotz der zeitweise geradezu entmutigenden Schwierigkeiten, denen die Niederbringung des ersten Schachtes begegnete, entschloss man sich 1866, zwei Jahre vor Franz Haniels Tod, zum Abteufen eines zweiten Schachtes. Er war aus Sicherheitsgründen eine betriebliche Notwendigkeit, aber dass man mit dieser Arbeit in einem Zeitpunkt begann, in dem man durchaus noch keine volle Klarheit über die Erfolgsaussichten der ganzen Schachtanlage hatte, das zeugte doch von einem hohen Maß an Zuversicht und Risikofreudigkeit. Bei der Niederbringung von Schacht II konnte Hochstrate freilich die Erfahrungen verwenden, die man beim Abteufen von Schacht I gesammelt hatte, man kam mehr als fünf Jahre früher zum Ziel als beim Schacht I und brauchte dazu nur ein Drittel der für diesen aufgewendeten Zeit.
1876 kam Schacht II in Förderung und erreichte die allerdings noch recht -bescheidene Tonnenzahl von 5455; bis 1880 wurde die Produktion auf etwa 136000 Tonnen gesteigert. Dann hätte es an sich schneller aufwärts gehen können, aber Rheinpreussen kam nun in die Kohlenkrise der achtziger Jahre, in denen die Preise auf einen vorher nie gekannten Tiefstand sanken; der Ruhrbergbau erlitt damals mit einiger Verspätung die Sonderkrise, die in der übrigen Industrie bereits in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre wieder überwunden worden war. Trotzdem verlor Hochstrate nicht den Mut, vielmehr gelang es ihm, die Gewerkschaften davon zu überzeugen, dass für eine kommende Kohlenkonjunktur die Niederbringung eines dritten Schachtes zu empfehlen sei. Dabei sprachen auch wichtige technische Gründe mit, vor allem der Wunsch, die großen Wasserzuflüsse auf Schacht I/II nach einem neuen Schacht abzuleiten.
In dieser Zeit, Anfang der neunziger Jahre, konnte sich Heinrich Hochstrate bereits auf die Mitarbeit eines damals noch jungen Bergmannes stützen, der später den Ausbau der Zechenanlage vollenden sollte: Heinrich Pattberg war 1887 als Maschinensteiger bei Rheinpreussen eingetreten und auf Grund seiner besonderen Tüchtigkeit bereits 1891 zum Obersteiger ernannt worden. Schacht III wurde verhältnismäßig schnell und glücklich niedergebracht; im Dezember 1891 begann man mit den Arbeiten, im November 1894 erreichte man das Steinkohlengebirge, und Anfang 1898 konnte man mit der Förderung beginnen. Inzwischen war Heinrich Hochstrate gestorben, und Pattberg war an seine Stelle getreten; inzwischen hatten sich aber auch die Kohlenpreise nach der Gründung des Rheinisch/Westfälischen Kohlensyndikats im Jahre 1897 wesentlich gebessert. Vor allem stieg mit der fortschreitenden Industrialisierung der allgemeine Kohlenbedarf immer rascher an, so dass im Herbst 1900 die Niederbringung von Schacht IV und unmittelbar danach das Abteufen von Schacht V begonnen wurden. Diese beiden Schächte konnten nach neuen, zum Teil von Pattberg selbst stammenden Verfahren noch rascher als Schacht II vollendet werden; sie kamen in den Jahren 1904 und 1905 in Förderung. 
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